Oxybutynin-Anwendung bei Säuglingen und Kleinkindern

Wirkung

Die Wirkung des Medikamentes besteht in einer Erweiterung der Harnblase durch Entspannen des Blasenhohlmuskels. Hierdurch vergrößert sich die Speicherkapazität der Harnblase, d.h. die Harnblase kann eine größere Urinmenge aufnehmen. Ziel der Anwendung des Medikamentes ist es, eine dem Alter entsprechende Größe der Harnblase zu erreichen und den Blasenhohlmuskel zu entspannen (was durch eine Blasendruckmessung nachgewiesen werden kann). Die Anwendung des Medikamentes kann mit Vorteilen und Nachteilen verbunden sein, die im Einzelfall gegeneinander abgewogen werden müssen.
Die frühe Anwendung des Medikamentes schon im Säuglingsalter – was eine frühe Diagnostik zur Bestimmung des Lähmungstyps voraussetzt – trägt wesentlich dazu bei, die oberen Harnwege (Nieren) zu schützen.

Positive Beeinflussung einer bestehenden / drohenden Harntransportstörung

Eine früh beginnende Therapie verhindert die Entstehung eines Rückflusses von Urin aus der Harnblase in die Harnleiter und/oder in die Niere (Reflux). Durch die medikamentöse Erweiterung kann die Harnblase mehr Urin aufnehmen, bevor es zu einer krankhaften Druckerhöhung mit Rückstau von Urin in die Nieren kommt. Durch Oxybutynin kann auch die weitere Zunahme eines Refluxes verhindert werden. Das Medikament unterstützt sogar die Rückbildung von durch einen Reflux entstandenen anatomischen Veränderungen.

Verlängerung der Trockenphasen

Durch die größere Speicherkapazität der Harnblase verlängern sich die Trockenphasen und damit die Kontinenz. Die Vorteile dieser mehr „sozialen“ Indikation müssen gegen die Nachteile, die sich durch Nebenwirkungen (s.u.) ergeben, sorgfältig abgewogen werden.

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen (NW) durch das Medikament selbst treten vor allem am Anfang der Therapie sowie bei zu schneller Steigerung der Dosis auf. Die NW werden subjektiv unterschiedlich als Störung empfunden und verlieren sich meist innerhalb einer Woche nach Beginn der Behandlung. Bei dauernd bestehenden erheblichen Nebenwirkungen muss die Dosis vermindert, das Medikament abgesetzt, eine andere Anwendungsform (vgl. Anleitung: Oxybutynin-Anwendung in der Harnblase) oder ein ähnliches Medikament (z.B. Propiverin) verwendet werden.

Mundtrockenheit

Maßnahme: Vermehrte Flüssigkeitsaufnahme.

Trockene Haut

Bei trockenen Hauttypen kann die Haut spröde, schuppig und rissig werden, es kann ein verstärkter Juckreiz auftreten.
Maßnahme: Rückfetten der Haut.

Sehstörungen

Durch eine (meist vorübergehende) Hemmung der Pupillenverengung fühlen sich die Patienten vor allem in der Dämmerung und beim in die Ferne Sehen „geblendet“. In einzelnen Fällen muss die Einnahme von Oxybutynin beendet werden.

Flüchtige Hautrötungen

Gelegentlich kommt es zu vorübergehenden, oft auch nur flüchtigen Rötungen des Gesichtes und/oder des Halses.

Hitzegefühl

Kurz nach Einnahme des Medikamentes kann es zu einer kurzfristigen Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens durch ein Hitzegefühl kommen.

Festerer Stuhl

Das Medikament beeinflusst – in unterschiedlichem und meist geringem Ausmaß – die Beweglichkeit der Darmmuskulatur. Hierdurch kann es zur Verlangsamung des Stuhltransportes und hierdurch zur Zunahme einer bestehenden Obstipation kommen.
Maßnahmen: Vorübergehende Verstärkung diätetischer Maßnahmen oder Gabe von Lactulose zur Verdünnung des Stuhls.

Reizbarkeit / Verstimmungen / Benommenheit

Diese Art der Nebenwirkung wurde nur bei erheblicher Überdosierung beobachtet. Die Symptomeerinnern an (die psychischen) Zeichen von Hirnüberdruck. Es fehlen jedoch wesentliche neurologische Symptome (vgl. Anleitung: Hirndruckzeichen – Übersicht).
Maßnahme: Vorübergehendes Absetzen des Medikamentes. Neubeginn der Therapie nach Abklingen der Symptome mit langsam einschleichender Dosierung.

Störungen der Konzentration und des Antriebs

Es wird vermutet, dass die unphysiologische Anreicherung des Medikamentes (u.a.) im Gehirn (Mit- ?) Ursache von Störungen der Konzentration und des Antriebs sein kann. Ggf. ist durch Blasendruckmessungen die kontrollierte Verwendung anderer blasenentspannender Medikamente (z.B. Propiverin) zu überlegen. Andere, ähnlich wirkende Medikamente (Antimuscarinica, wie Solifenacin, Darifenacin) sind in diesem Alter noch nicht zugelassen.

Anwendung durch Einnahme des Medikamentes

Dosierung / Hinweise zur Neueinstellung

Tagesdosis: 0,2 – 0,4 mg/kg Körpergewicht (KG) verabreicht in (2)-3 Dosen.
Einzeldosis: 0,1 – 0,2 mg/kg KG. Die ermittelte Tagesdosis wird aufgeteilt in 2(-3) Gaben (hierbei wird, wenn nötig, nach oben oder unten abgerundet).
Beispiel: bei einem Körpergewicht von 10 kg ergibt sich eine Tagesdosis von 5 mg; diese Dosis wäre aufzuteilen in 3 Dosen von 2 – 1 – 2 mg.
Zur Überprüfung der Wirkung des Medikamentes wird eine Blasendruckmessung etwa im Abstand eines Monats empfohlen.

Überdosis (Vergiftung)

Die therapeutische Breite (das ist die Dosis zwischen optimaler Wirkung eines Medikamentes und dem Auftreten von Nebenwirkungen) ist bei Oxybutynin relativ groß, d.h. es besteht eine gute Verträglichkeit. Die versehentliche Anwendung / Einnahme einer erheblich zu hohen Dosis kann jedoch zu schweren Vergiftungserscheinungen führen. Wenden Sie sich umgehend an Ihren Arzt und/oder an die nächste „Vergiftungszentrale“.

Verordnung

Orale Einnahme von Oxybutynin:
Morgens: ….. Tbl. zu … mg; Mittags ….. Tbl. zu … mg; Abends: ….. Tbl. zu … mg.

Umstellung auf ein anderes Medikament

Umstellung von einem anderen blasenentspannenden Medikament auf Oxybutynin

Soll ein Medikament, das zur Entspannung der Harnblase gegeben wurde, durch Oxybutynin ersetzt werden, dann wird das vorher gegebene Medikament abgesetzt und das Oxybutynin, wie unter „Neueinstellung“ beschrieben, gegeben. Nach erfolgter Neueinstellung / Umstellung ist zu empfehlen, das Ergebnis durch eine (orientierende) Blasendruckmessung (siehe Anleitung: Orientierende Blasendruckmessung) zu kontrollieren.
Gleiches gilt für die Umstellung von Oxybutynin auf ein anderes Medikament, z.B. Propiverin ® usw.

Umstellung von der oralen Gabe zur Instillation

Durch die instillierte Oxybutyninmenge soll die gleiche Blasenkapazität (bewertet nach der durchschnittlichen katheterisierten Urinmenge) bzw. der gleiche Grad der Entspannung der Harnblase erreicht werden wie bei der (oralen) Einnahme. Zu beachten ist, dass die Instillation besonders begründet sein muss (z.B. bei andauernden Nebenwirkungen durch orale Einnahme).
Deshalb empfiehlt es sich, die Umstellung schrittweise vorzunehmen: z.B. zunächst eine orale Dosis durch eine Instillation zu ersetzen, nach zwei Tagen die zweite Dosis, zunächst die gleiche Oxybutynin-Dosis in die Harnblase zu geben, die oral eingenommen wurde, regelmäßig die Urinmenge zu messen und die instillierte Dosis solange zu steigern (oder abzusenken), bis die gleiche Blasenkapazität bzw. die gewünschte Entspannung erreicht ist.

Anwendung des Medikamentes in der Harnblase

Oxybutynin ist zur Anwendung (Instillation) in der Harnblase vom Bundesgesundheitsamt nur mit besonderer Begründung (Ausnahmeindikation) zugelassen.
Solche Ausnahmeindikationen liegen vor bei einem urodynamischen Nachweis einer Hochrisikoblase, einer Gefährdung der oberen Harnwege, bei belastenden Nebenwirkungen bei Einnahme (oraler Anwendung) von Oxybutynin, wenn keine therapeutische Alternative besteht. Wegen der besseren Verträglichkeit wird dann die Anwendung des Medikamentes in der Harnblase bevorzugt.
Bei der Anwendung in die Harnblase (Harnblaseninstillation) sind geringere Nebenwirkungen zu erwarten bzw. nachzuweisen als bei der oralen Anwendung, weil die Aufnahme (Resorption) des Medikamentes durch die Harnblase wesentlich langsamer erfolgt.

Voraussetzungen zur Anwendung des Medikamentes

  • Beherrschen der Technik der Katheterentleerung (vgl. Anleitung Katheterentleerung bei Mädchen/ bei Jungen).
  • Beherrschen der orientierenden Urinuntersuchung mit Teststäbchen (vgl. Urinuntersuchung mit Teststreifen), weil durch Erweiterung der Harnblase die Neigung zu Harnwegsinfekten zunehmen kann, was durch regelmäßige Urinuntersuchungen früh zu erkennen ist.
  • Kenntnis der Nebenwirkungen.

Ärztliche Verordnung

Die Instillationslösung muss – wie bei allen Arzneimitteln üblich – per Rezept verordnet werden und ist über jede Apotheke in Deutschland erhältlich. Der Hersteller bietet zusätzlich eine kostenlose Haustürlieferung an.
Stets ist eine individuelle ärztliche Verordnung der Anwendung erforderlich. Diese muss umfassen:

  • die Häufigkeit der Anwendung
  • die Höhe der Einzeldosis
  • die Höhe der Tagesdosis
  • Information über Wirkungen und Nebenwirkungen.

Herstellung der Lösung

Die Herstellung der Lösung kann durch jede Apotheke erfolgen.

Rezeptur: 100 mg Oxybutynin-Hydrochlorid in 100 ml Kochsalzlösung geben (1 ml Lösung enthält 1 mg Oxybutynin). Lösung mit Bakterienfilter reinigen. Von der Lösung …….. ml morgens – mittags – abends in die Harnblase geben.

Einmalspritzen (Größe: je nach anzuwendender Menge), Einmalkanülen zur Entnahme der Lösung aus der Vorratsflasche.

Lösung unten im Kühlschrank aufbewahren. Fertigpräparat

Das Medikament Oxybutynin 0,1% ist als Fertigspritzenset in zwei Größen mit 10 mg in 10 ml Lösung und 20 mg in 20 ml Lösung im Handel.

Rezept für OxybutinininstillationGr

Größe           PZN       ml   Gehalt
N2(10Stk.)      5396793   10   10mg
N2(10Stk.)      5396801   20   20mg

N3(100Stk.)     1915747   10   10mg
N3(100Stk.)     1915776   20   20mg

Dosierung

Neueinstellung

Tagesdosis: 0,2 – 0,4 mg/kg Körpergewicht (KG) verabreicht in 2(-3) Dosen.
Einzeldosis: 0,1 – 0,2 mg/kg KG
Die ermittelte Tagesdosis wird aufgeteilt in 2(-3) Gaben (hierbei wird, wenn nötig, nach oben oder unten abgerundet).
Beispiel: Bei einem Körpergewicht von 10 kg ergibt sich eine Tagesdosis von 5 mg; diese Dosis wäre aufzuteilen in 3 Dosen von 2 – 1 – 2 mg.
Zur Überprüfung der Wirkung des Medikamentes wird eine Blasendruckmessung etwa im Abstand eines Monats empfohlen.

Ausführung der Instillation

Aufziehen der Lösung

  • Lösung vor jedem Gebrauch schütteln;
  • die ärztlich empfohlene Menge der Lösung in die Spritze aufziehen;
  • aufgezogene Spritze etwa auf Körpertemperatur (durch Umwickeln mit heißem Waschlappen) erwärmen.

Legen des Harnblasenkatheters

Instillation

  • Katheter auf die Spritze setzen;
  • vorgeschriebene Oxybutynin-Lösung in die Harnblase geben;
  • Katheter ziehen. Lösung in der Harnblase lassen.

Besonderheiten

Instillation bei bestehendem Reflux

Besteht ein Harn-Rückfluss aus der Harnblase in die Harnleiter und/oder Nieren, ist es nicht auszuschließen, dass Oxybutynin in die Harnleiter und Nieren gelangen kann. Negative Auswirkungen sind bisher nicht bekannt, sind aber auch nicht ausgeschlossen.

Instillation bei Verwenden eines Nachtkatheters

Wird ein Nachtkatheter verwendet, muss die abendliche Dosis des Medikamentes immer oral eingenommen werden.

Literatur

1. Madersbacher, H.: Applikationsformen von Pharmaka zur Detrusorrelaxation – die intravesikale Instillation von Oxybutynin, in: Madersbacher, H.; Palmtag, H.: Detrusorrelaxation, Grundlagen und klinische Aspekte, S. 45 ff; PVV-Verlag Preuß 1991.
2. Dik, ; Klijn, A.J.; van Gool, J.D.; de Jong-de Vos van Steenwijk, C.C.; de Jong, T.P.: Early start to therapy preserves kidney function in spina bifida patients. Eur Urol. 2006 May; 49 (5): 908-13.
3. Stein, R.; Schröder, A.; Beetz, R.; Ermert, A.; Filipas, D.; Fisch, ; Goepel, M.; Körner, I.; Schönberger, B.; Sparwasser, C.; Stöhrer, M.; Thüroff, J.W. (Urologe 2007): Diagnostik und Management urologischer Erkrankungen bei Patienten mit Meningomyelozele – Eine Konsensusempfehlung des AK Kinderurologie in Zusammenarbeit mit dem AK Funktionsdiagnostik und Urologie der Frau der Akademie der Deutschen Urologen und der Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Nephrologie.
4. Burgdörfer, H.; Heidler, H.; Madersbacher, H.; Kutzenberger, J.; Palmtag, H; Pannek, J.; Sauerwein, D.; Stöhrer, M. (2007): Manual Neurourologie und Querschnittlähmung – Leitlinien zur urologischen Betreuung Querschnittgelähmter. 4. Überarbeitete Auflage 2007.
5.Haferkamp, A.; Staehler, G.; Gerner, H.J.; Dörsam, (Spinal Cord 2000): Dosage escalation of oxybutynin in the treatment of neurogenic bladder patients.

 

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