Schwellungen entlang der Hirnwasserableitung

 

Jede Schwellung über der Hirnwasserableitung 

  • ist ein Hinweis auf eine Komplikation
  • erfordert eine ärztliche Stellungnahme


Jede Schwellung mit Rötung (und Überwärmung) ist – wegen des Verdachts auf eine Infektion der Hirnwasserableitung – ein Notfall

Zu unterscheiden ist eine

  • akut auftretende Schwellung  z.B. bei Allgemeininfekten oder nach Schädeltrauma
  • andauernd bestehende Schwellung
  • wechselnd auftretende Schwellung, z.B. beim Schreien, bei der Gymnastik oder lagerungsabhängig.

Bei einer Schwellung besteht (vor allem im Bereich der Narben) die Gefahr, dass Hirnwasserflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) nach außen gelangt (= Liquorfistel) und Krankheitserreger in das Hirnwasser und die Ableitung (Shuntinfektion) gelangen. Ein minimaler Austritt von Hirnwasser ist oft nur an einer (hartnäckigen) Krustenbildung über der Austrittsstelle erkennbar.

1. Akut auftretende Schwellung

1.1   Diagnose: Ansammlung von Hirnwasser unter der Kopfhaut (Liquorkissen)

Krankheitszeichen: Meist pralle Schwellung im Bereich der Austrittsstelle des (zentralen) Katheters aus dem Schädelinneren oder im Bereich des Ventils.
Mögliche Ursachen:
a) Schädeltrauma durch Schlag, Stoß oder Sturz auf den Kopf
b) Erhöhter Hirndruck; das Hirnwasser drängt sich neben dem zentralen (Ventrikel-) Katheter durch eine kleine Lücke in der harten Hirnhaut unter die Haut und bildet meist über dem Ventil eine kissenartige Schwellung (Liquorkissen), die sich auch entlang des Shuntverlaufes fortsetzen kann. Die Schwellung kann allmählich (innerhalb von Tagen) aber auch plötzlich (innerhalb von Stunden) auftreten. Dieses Krankheitszeichen war bei großen Bohrlöchern relativ häufig und ist inzwischen wesentlich seltener geworden.
Maßnahmen:
Erste  Hilfe: Vermeiden aller körperlichen Belastungen, die den Hirndruck erhöhen können (z.B. Krankengymnastik, stärkeres Pressen, Schreien)
Weitere  Maßnahmen: Baldmöglichist ärztliche Beratung über weitere Maßnahmen und zur Abklärung der möglichen Ursachen.

  • Nach ärztlicher Absprache: Azetazolamid- (Diamox ®) Anwendung (50 mg/kg Körpergewicht, bis zu einer Tagesmaximaldosis von 2 g); Hiermit kann der Druck vorübergehend (2-3 Tage) abgesenkt werden (vgl. Anleitung: Azetazolamid)
  • Weitere Diagnostik: Bei kleinen Kindern: Verdichten der Messungen des Kopfumfanges
  • Beachten weiterer altersentsprechender Hinweise auf Hirnüberdruck (vgl. Anleitungen: Hirndruckzeichen)
  • Sonographie des unteren Bauchraums: Nachweis oder Fehlen von Hirnwasser
  • Augenärztlicher Ausschluss von Hirnüberdruck (Augenhintergrund, Messen der Dicke des Nervus opticus)
  • Das Pumpen des Ventils ist jetzt nicht zu empfehlen
    Bei weiter bestehender Schwellung: Diskussion einer operativen Korrektur der Hirnwasserableitung

 

 

1.2   Diagnose: Lösen, Abriss im Bereich des peripheren Katheters

Krankheitszeichen: Meist plötzlich (je nach Druck: weich oder prall) im Bereich der Verbindungen zwischen Ventil und Schlauchsystem, d.h. meist unterhalb des Ventils tastbare und/oder sichtbare Schwellung.
Mögliche Ursachen:  Sturz, Schlag, Stoß auf/an den Kopf, stärkerer Überdehnung der Hirnwasserableitung (z.B. beim Turnen oder Schwimmen), aber auch ohne erkennbare Ursache auftretende umschriebene Schwellung
Erste Hilfe: wie 1.1
Weitere Maßnahmen: wie 1.1

1.3   Diagnose: Bruchstelle am peripheren Katheter

 

Krankheitszeichen: Kurz- oder langstreckige pralle oder weiche Schwellung im Bereich des Halses, der Brust oder / und der Bauchdecken.
Ursachen: Überdehnung des oft unter Spannung stehenden Shunts, „Ermüdung“ des Schlauchmaterials, aber auch ohne besonderes Ereignis oder erkennbaren Grund
Erste Hilfe: wie 1.1
Weitere Maßnahmen: Baldmöglichst kinderchirurgisch – neurochirurgische Stellungnahme

 

1.4   Diagnose: Verschluss der unteren Katheteröffnung

bei Herzkatheter
Krankheitszeichen: Alterstypische akute oder chronische Hirndruckzeichen. Möglicherweise Schwellung im Bereich des Ventils/Katheterverlaufes am Kopf/Hals.
Ursachen: Rückstau von Hirnwasser durch

  • wachstumsbedingtes Zurückziehen des Katheters in die innere Halsvene
  • Anlagerung der Katheterspitze an die Wand der Vene, in der der Katheter liegt
  • Verstopfung der unteren Katheteröffnung durch ein Gerinnsel

Erste Hilfe: wie 1.1
Weitere Maßnahmen:

  • Baldige ärztliche Stellungnahme
  • Radiologische Bestimmung der Lage der unteren Katheterspitze
  • ggf. Verlängerung / Austausch des Herzkatheters bzw. Neuanlage des Shunts.

bei Bauchableitungen
Krankheitszeichen: Alterstypische akute oder chronische Hirndruckzeichen; eine weiche oder pralle Schwellung von unterschiedlicher Ausdehnung entlang des Katheterverlaufes am Hals, Brustkorb oder/und Bauch ist möglich, liegt aber nicht immer vor.
Ursachen: Rückstau von Hirnwasser durch

  • wachstumsbedingtes Zurückziehen des Katheters in die Bauchdecke
  • Anlagerung der Katheterspitze an ein Bauchorgan
  • Hirnwasseransammlung in einer mit Hirnwasser gefüllten Zyste (Liquorzyste) im Bauchraum

Erste Hilfe: wie 1.1
Weitere Maßnahmen:

  • Baldige ärztliche Stellungnahme
  • Sonographische Bestimmung der Lage der unteren Katheterspitze mit Ausschluss eine Liquorzyste

ggf. Verlängerung / Austausch des Katheters bzw. Verschluss der Zyste bzw. Neuanlage des Shunts.

2. Länger bestehende Schwellung

2.1   Diagnose: Austreten von Hirnwasser unter die Haut im Bereich des Ventils

 

Krankheitszeichen: Umschriebene Schwellung im Bereich des Ventil, Hirndruckzeichen (die aber auch fehlen bzw. nicht nachweisbar sein können)
Mögliche Ursachen:

  • Lösung / Lockerung der Verbindungsstelle zwischen dem Ventil und den an ihm ansetzenden Kathetern.
  • Bei Patienten mit größeren Bohrlöchern an der Einführungsstelle des zentralen Katheters in den Schädel: eine kleine Lücke an der Eintrittsstelle des zentralen Katheters durch die Hirnhäute, durch die sich unter erhöhtem Druck stehendes Hirnwasser nach außen drückt und als Liquorkissen unter der Haut liegt.

Erste Hilfe:  Bei gleich bleibender Schwellung ohne Zeichen von Hirnüberdruck: nicht erforderlich
Weitere Maßnahmen:

  • Baldige und regelmäßige ärztliche Absprache über das richtige Verhalten und weitere Vorgehen
  • Ohne weitere Hirndruckzeichen und gleich bleibender Schwellung sind zunächst keine Sofortmaßnahmen erforderlich. Nicht selten erfolgt ein spontaner Verschluss der Lücke und die Schwellung bildet sich zurück.
  • Sorgfältiges Beachten altersentsprechender Hinweise auf Hirnüberdruck (vgl. Anleitungen: Hirndruckzeichen)
  • Bei kleinen Kindern: Verdichten der Messungen des Kopfumfanges
  • Sonographie des unteren Bauchraums: Nachweis/fehlen von Hirnwasser
  • Augenärztlicher Ausschluss von Hirnüberdruck (Augenhintergrund, Messen der Dicke des N. opticus)
  • Das Pumpen des Ventils ist bei Schwellungen im Shuntbereich nicht zu empfehlen
  • ggf. Revision des Shunts.

 

2.2   Diagnose: Fadengranulom

 

Krankheitszeichen: Umschriebene Schwellung (oft) in Verbindung mit einer Rötung im Bereich einer Narbe
Mögliche Ursache:  Faden, der beim Hautverschluss verwendet wurde und durch Haut nicht vollständig gedeckt ist.
Erste Hilfe: Bei gleichzeitig bestehender Rötung: steriler Verband mit antibiotischer Creme. Ärztliche Beratung.
Weitere Maßnahmen:  (Kinder-/Neuro-)Chirurgische Stellungnahme. Entfernung des Fadens.

 

2.3   Diagnose: Austreten von Hirnwasser nach außen (Liquorfistel)

 

Krankheitszeichen: Nässende, oft nur winzige mit einer Kruste bedeckte Wunde im Bereich des Kopfes oder Halses.
Mögliche Ursache:  Unter der Haut liegender Faden oder Druckschädigung der Haut durch den unter der Haut liegenden Katheter oder das Ventil.
Erste Hilfe: Steriler Verband mit antibiotischer Creme. Sofortige ärztliche Beratung.
Weitere Maßnahmen:  (Kinder-/Neuro-) Chirurgische Stellungnahme. Entfernung der Ursache

3.   Wechselnd auftretende Schwellung

3.1  Diagnose: Zeitweise bestehende Ansammlung von Hirnwasser unter der Haut


Krankheitszeichen: Nur bei Anstrengungen (z.B. Krankengymnastik, körperlicher Belastung, Husten) oder lagerungsabhängig auftretende Schwellung vorwiegend im Bereich des Ventils.
Mögliche Ursache:  Kleine Lücke im Bereich der Austrittsstelle des zentralen Katheters aus dem Schädelinneren, aus der Hirnwasser austritt.
Erste Hilfe: Nicht erforderlich
Weitere Maßnahmen: 

  • Beachten alterstypischer Hirndruckzeichen
  • Regelmäßige ärztliche Kontrollen
  • Bis zur Abklärung der auslösenden Ursachen sind zu vermeiden
    • alle physiotherapeutischen Übungen, die mit Erhöhung des Hirndrucks verbunden sein können
    • Ereignisse, die das Kind zum Schreien bringen

4.   Sonderfall: Keuchhusten und Schwellungen am Shuntverlauf

Tritt bei Keuchhusten eine Schwellung im Shuntverlauf auf, ist dies auf eine abnorme Steigerung des Hirndrucks zurückzuführen. Weil der Hirndruck zwischen den Hustenanfällen nicht gesteigert ist, bildet sich das Liquorkissen beim Nachlassen der Hustenattacken in der Regel spontan zurück.
Maßnahmen:

  • Vorsorglich: Impfung gegen Keuchhusten (die mit abgeschwächten Impfstoffen nebenwirkungsfrei möglich ist)
  • Einschränkung / Unterbrechung der Krankengymnastik
  • Konsequente medikamentöse Behandlung des Keuchhustens (Antibiotikum und hustenstillende Medikamente)
  • Beachtung weiterer Hinweise auf einen erhöhten Hirndruck
  • Vorübergehende Gabe von Azetazolamid
  • Verdichtete ärztliche Überwachung

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.