Physiotherapie/Krankengymnastik bei Säuglingen

Physiotherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Frühförderung, weil man davon ausgeht, dass Entwicklung durch früh ausgeführte Physiotherapie verbessert werden kann. Schwerpunkt der Physiotherapie ist es, Mobilität zu fördern sowie die Freude an der Bewegung zu wecken und zu erhalten.

Formen der Physiotherapie (Auswahl)

Ganzkörperbehandlung

Durch eine “Ganzkörperbehandlung” sollen normale (neurophysiologische) Funktionen des Nervensystems und Muskelfunktionen angebahnt, ermöglicht und stabilisiert werden. Die Ganzkörperbehandlung wird durch Dehnen, Halten und Durchbewegen sowie durch Orthesen unterstützt.
Formen
: Zu den (anerkannten) Formen der Ganzkörperbehandlung gehören z.B. die Behandlung nach Bobath oder Vojta.

Besonderheiten, die bei Spina bifida und Hydrozephalus beachtet werden müssen:
1. Harnblase: Alle Übungen, bei denen die Muskeln der Bauchdecke angespannt werden, erhöhen den Druck auf die Harnblase. Deshalb ist vor Beginn der Übungen die Harnblase zu entleeren. Dies gilt in besonderem Maße, wenn ein Rückfluss von Urin (Reflux) vorliegt, weil hierdurch Urin in Harnleiter und Nieren gedrückt wird.
2. Chiari-Fehlbildung: Bestehen Atemstörungen oder treten sie bei der Therapie verstärkt auf, sind alle Übungen zu unterlassen, bei denen der Kopf aktiv oder passiv gebeugt bzw. fixiert wird. Gleiches gilt, wenn Schmerzen bei der Bewegung des Kopfes (vor allem nach vorne oder hinten) erkennbar sind.
3. Immer zu beachten ist, dass die Knochen in gelähmten Körperbereichen – vor allem bei hohen Lähmungen – außergewöhnlich brüchig sein können.

Lagerung/Lagern

Das Kind wird in bestimmten Stellungen gelagert, teilweise unter Verwendung von Hilfsmitteln (z.B. durch Lagerungsrollen, Lagerungskeile, Lagerungsschienen, hufeisenförmige Schulterkissen, Stillkissen, Beckenkissen usw.). Dies kann lang- oder kurzfristig erfolgen mit unterschiedlichen Zielen:

1. in Rückenlage zur Ermöglichung und Erhöhung der Zahl und Vielfalt von gezielten Bewegungen in Rückenlage (z.B. Handbetrachtung, Hand-Mund-Kontakt, Fuß-Fuß-Kontakt, von Umdrehen)
2. (in zeitlich begrenzter) Bauchlagerung zur Anregung der Verbesserung der Kopfkontrolle. Anmerkung: Als Lagerung zum Schlafen wird die Bauchlage heute nicht mehr empfohlen, weil man mit ihr eine Häufung des „plötzlichen Kindstodes“ in Verbindung bringt.
3. als eine Dehnungslagerung um evtl. entstehenden Verkürzungen der Muskeln (Kontrakturen) vorzubeugen
4. zur Entlastung von Hautzonen, an denen sich Druckstellen entwickeln können
5. zur Entlastung der Wirbelsäule,
6. zur Erleichterung der Pflege.

Die Lagerung auf noch nicht verheilten Narben ist zu vermeiden.

Dehnen

Stretching. Physiotherapeutische Technik, bei der Gelenke nach Anleitung gestreckt oder gebeugt werden, wodurch Muskeln, Sehnen und Gelenkkapseln mit dem Ziel gedehnt werden, die Funktion (Stellung, Beweglichkeit) der Gelenke zu erhalten und zu verbessern.

Zur Technik: Durch Dehnen werden Muskeln und Sehnen, die zu einer Verkürzung neigen oder bei denen sich bereits eine Fehlstellung entwickelt hat, durch einen Therapeuten evtl. auch mit hilfsmitteltechnischer Unterstützung passiv (d.h. ohne Unterstützung des Kindes) gedehnt. Das Dehnen soll in der Regel mehrfach täglich erfolgen. Bei jeder Übung soll die gewünschte Stellung jeweils 30 Sekunden lang gehalten werden. Um einen gewünschten Effekt zu erreichen, sollte eine Übung in der Regel mehrfach nach Absprache mit der Physiotherapeutin hintereinander erfolgen.

Besonderheiten bei Spina bifida und Hydrozephalus:
1. Sind die Knochen vermehrt brüchig (bei Knochenentkalkung durch Osteoporose) – was zuvor geklärt werden muss, dürfen Dehnungsübungen nur mit Vorsicht gelenknahe erfolgen, um die Hebelwirkung und damit die Gefahr von Knochenbrüchen möglichst gering zu halten.
2. Ist eine gewünschte Gelenkstellung durch Dehnung allein nicht zu erreichen oder zu erhalten, ist die Verwendung von (verstellbaren) Lagerungsschienen zu diskutieren, wobei auf Druckstellen besonders zu achten ist.
3. Behindern Gelenkfehlstellungen die Mobilität trotz Anwendung von Übungen und Hilfsmitteln, sind operative Eingriffe zu überlegen.

Halten

Eine gewünschte Gelenk- oder Körperstellung, zu der das Kind nicht aktiv fähig ist, wird durch den Therapeuten ermöglicht. Hierbei werden Muskeln, Sehnen und die Gelenkkapsel gedehnt und damit die Beweglichkeit eines Gelenkes erhalten bzw. verbessert. Die Dauer des Haltens soll mindestens 30 Sekunden betragen und mit kurzen Pausen mehrfach hintereinander in Absprache mit der Physiotherapeutin erfolgen.

Besonderheiten bei Spina bifida und Hydrozephalus: Auch bei dieser Technik muss eine bestehende Knochenentkalkung (Osteoporose) berücksichtigt werden.

Durchbewegen

Durchbewegen (auch: „passives Bewegen“) soll die Beweglichkeit eines Gelenkes erhalten und das Bewegungsausmaß vergrößern.Hierbei werden ein oder mehrere Gelenke durch einen Therapeuten mehrfach täglich soweit wie möglich gebeugt und gestreckt und in der Endstellung mindestens 30 Sekunden gehalten.

Besonderheiten bei Spina bifida und Hydrozephalus:
1. Auch bei diesen Übungen ist eine evtl. bestehende Knochenentkalkung zu berücksichtigten.
2. Lagerungsschienen/Orthesen während der Ruhephasen können ggf. zusätzlich nötig sein, wenn sich zeigt, dass eine Fehlstellung von Gelenken durch physiotherapeutische Maßnahmen nicht ausgeglichen werden kann.

Schwimmen

Schwimmen ist eine wichtige Form der Physiotherapie in warmem Wasser zur Anbahnung, Ermöglichung und Erhaltung von Bewegungen unter weitgehender Aufhebung der Schwerkraft. Hiermit werden Bewegungen möglich, die außerhalb von Wasser nicht oder nur erschwert auszuführen sind. Unterstützende Hilfsmittel, z.B. Schwimmkragen, Schwimmbrett tragen zur Verminderung der Wasserangst und zur Entkrampfung von Bewegungsabläufen bei.

Besonderheiten bei Spina bifida und Hydrozephalus:

1. Sicherung der Hygiene: Vor dem Schwimmen sollten a) Harnblase und Darm entleert, b) eine Vorlage / (Schwimm-) Windel zum Auffangen von unkontrolliert ausgeschiedenem Urin und Stuhl angelegt werden.
2. Schutz vor Verletzungen: Bereits durch ein kurzes Rutschen über den Steinboden auf dem sensibel gestörten Gesäß oder das Nachschleifen der Füße beim Robben/Krabbeln kann zu erheblichen Hautabschürfungen führen. Die sensibel gestörten Hautzonen (vgl. Sensibilitätsschema) müssen vollständig geschützt sein.
3. Schwimmen und Shunt: Schwimmen ist bei Hirnwasserableitung selbstverständlich möglich.

Physiotherapie und orthetische Versorgung

Aus der regelmäßigen physiotherapeutischen Begleitung und Entwicklungsbeobachtung sowie dem Lähmungsniveau des Kindes ergeben sich Zeitpunkt und Art einer sinnvollen orthetischen Unterstützung der Mobilität. Vor einer orthetischen Versorgung sind Fehlstellungen soweit wie möglich physiotherapeutisch zu behandeln, ggf. auch operativ durch neurologisch erfahrene Orthopäden (Neuroorthopäden) zu therapieren. Nach der Anpassung der Orthesen sind das Einüben von neu erworbenen Funktionen und Bewegungsabläufen, Techniken des Hinfallens und der Aufrichtung, der Abbau von Ängsten usw. das nächste Ziel. Die Benutzung der Orthesen ist regelmäßig zu hinterfragen und mit den Bedürfnissen, Fähigkeiten und Möglichkeiten abzustimmen. Die Anpassung der Orthesen an das Körperwachstum (Länge und Gewicht!) muss rechtzeitig eingeleitet werden.

Zusammenfassung

Physiotherapie ist in ihren vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten eine unbestritten wichtige – aber oft nicht nebenwirkungsfreie – Therapieform, die die individuelle Prognose von Kind und Familie wesentlich beeinflusst.

Das Ziel ist eine möglichst weitgehende eigenständige Mobilität.

Zu beachten sind

  • die Auswirkungen der Physiotherapie auf verschiedene Organbereiche. Eine Abstimmung mit Neurochirurgen, (Neuro-) Orthopäden, (Neuro-) Urologen, Hilfsmitteltechnikern und anderen Therapeuten ist deshalb erforderlich, um eine optimale Mobilität zu erreichen, auf Dauer zu gewährleisten und gesundheitliche Schäden möglichst zu vermeiden.
  • die Auswirkungen auf die Familie: Als zeitaufwändige Therapieform ist die Physiotherapie mit anderen notwendigen Therapien abzustimmen, um Kind und Familie nicht zu überfordern. Nur so sind die physiotherapeutischen Ziele auf Dauer zu erreichen.

Bei unbefriedigendem Entwicklungsverlauf sowie Zunahme von Gelenkfehlstellungen trotz regelmäßiger Physiotherapie sollte eine neurologische Untersuchung erfolgen.

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