Mutter mit Hydrozephalus: Schwangerschaft, Entbindung

Nachsorge

Kinderwunsch hat für viele Menschen einen hohen Stellenwert. Das gilt selbstverständlich auch für Menschen mit Hydrozephalus.

In der folgenden Übersicht wird versucht, häufig gestellte Fragen zur Schwangerschaft, Entbindung und Nachsorge einer Mutter mit Hydrozephalus zu benennen und zu beantworten. Aber nur durch eine persönliche Beratung kann ermittelt werden, welche Fragen individuell wichtig und welche Bereiche besonders zu beachten sind.

Übersicht

Schwangerschaft

– Vorsorgeuntersuchung vor einer geplanten Schwangerschaft

– Empfohlene Voruntersuchungen

– Vorsorgeuntersuchung in der Frühschwangerschaft

– Vorsorgeuntersuchung während der Schwangerschaft

– Vorsorgeuntersuchung vor der Geburt

Entbindung

– Allgemeines

– Spezielle Schwangerenvorsorge: ? Schwangerschaft

– Mögliche Beeinträchtigungen bei der Entbindung

– Empfohlene Dokumentationen zur Entbindung

– Über Narkosemöglichkeiten

– Ursachen des Entbindungsschmerzes

Nachsorge

– Medizinische Aspekte

– Psychosoziale Assistenz

Vorsorgeuntersuchung vor einer geplanten Schwangerschaft

Empfohlene Voruntersuchungen – Übersicht

Allgemeine Aspekte

Schwangerschaftsverlauf: Regelmäßige Kontrollen von Gewicht, Blutdruck, Eiweißausscheidung, Blutgruppe, Antikörperkontrollen u.a. sind Bestandteil der Schwangerschaftsbegleitung. Die frühe Kontaktaufnahme zur Einrichtung, in der die Entbindung stattfinden soll, ist zu empfehlen. Zuständigkeit: Frauenarzt/ärztin.

Kräfte- und Allgemeinzustand: Allgemeiner Ernährungszustand (Adipositas?) und Kräftezustand. Zuständigkeit: Frauenarzt/ärztin, Hausarzt/ärztin, Internist/in. 

Spezielle Aspekte

Latexallergie: Eine überdurchschnittlich häufig bestehende Latexallergie muss erfragt und berücksichtigt werden. Zuständigkeit: Frauenarzt/ärztin, Hausarzt/ärztin, Internist/in.

Kopf / Hirnwasserableitung (Shunt): 1. Art der Hirnwasserableitung: A) (meist) erfolgt die Hirnwasserableitung in den Bauchraum (v-p-Shunt): Zu erfragen sind a) wann der Shunt gelegt und Teile des Shunts letztmals erneuert wurden; b) Name des Ventils, c) Länge und Lage des Bauchkatheters, was ggf. durch eine Röntgenaufnahme des Bauchraumes zu dokumentieren ist. B) (seltener) erfolgt die à Hirnwasserableitung in den rechten Herzvorhof (ventrikulo-atriale Ableitung). Funktion: a) Ist die liegende Hirnwasserableitung noch funktionstüchtig, b) gibt es Hinweise auf Funktionsstörungen: Hinweise auf (auch fraglichen und zeitweise bestehenden) Hirnüberdruck. 3. Weite der Hirninnenräume (Ventrikel), Schlitzventrikel, 4. Bestehen Begleitfehlbildungen oder sonstige Störungen die für den Geburtsablauf von Bedeutung sein können. 5. Besteht ein (behandlungsbedürftiges) Krampfleiden

Zuständigkeit: Neurochirurg/in.

 Neurologischer Status: Aktualisierung des neurologischen Status: Stellungnahme zur Funktion der Bauchdecken- und Beckenmuskulatur, zu bestehenden Kontrakturen der beckennahen Muskulatur, zu Auswirkungen (z.B. Spastik). Zuständigkeit: Neurologe/in, Neurochirurg/in, Frauenarzt/ärztin. 

Atmung, Lungenfunktion: Stellungnahme zu bestehenden Störungen der Atmung: zu bestehenden zentralen Atemstörungen, zur Lungenfunktion: Einschränkung durch a) Skoliose, b) lähmungsbedingte Schwäche der Atemmuskulatur, c) durch Adipositas. Zuständigkeit: Lungenarzt/ärztin, Neurologe/in. 

Genetische Beratung: Auf Wunsch kann eine genetische Beratung erfolgen, bei der Fragen der Wiederholungswahrscheinlichkeit und einer sinnvollen pränatalen Diagnostik erörtert werden. Zuständigkeit: Genetische Beratungsstelle / Genetisches Institut. Frauenarzt/ärztin.

Vorsorgeuntersuchung während der Schwangerschaft

Die Vorsorgeuntersuchungen erfolgen grundsätzlich nach den geltenden Mutterschaftsrichtlinien. Medizinisch ist der Vorsorgebedarf durch die vorgesehenen ärztlichen Untersuchungen und die Mitbetreuung durch eine Hebamme aber nur teilweise abgesichert.

Eine ergänzende Mitbetreuung durch verschiedene Konsiliarii ist – abhängig von speziellen mütterlichen Risiken – zu gewährleisten (vgl. Übersicht, oben). Die Begleitung der Mutter / der Eltern zu ärztlichen Untersuchungsterminen durch eine fachkundige Person (z.B. der Elternselbsthilfe) trägt zum Verständnis der oft komplexen Fragestellungen bei, beruhigt und entlastet die Eltern.

Spezielle Fragestellungen:

Wahl der Entbindungseinrichtung: Werdende Eltern sollten sich früh – neben der frauenärztlichen Begleitung – um eine Mitbetreuung an einer Entbindungseinrichtung bemühen, wo eine latexfreie Umgebung gewährleistet ist und in der möglichst spezielle Erfahrungen mit der Schwangerschaftslenkung und Entbindung von Müttern mit Hydrozephalus bestehen. Hier sollten bestehende Besonderheiten und Schwierigkeiten, die die Geburt beeinträchtigen könnten, rechtzeitig bekannt sein.

Vorsorgeuntersuchung vor der Geburt

Bei dieser Vorsorgeuntersuchung sollen noch einmal alle Bereiche sorgfältig besprochen werden, die eine optimale Geburtslenkung ermöglichen.

Hierzu gehören:

  • Die Wahl der Einrichtung: (s.o.), das Festlegen des Entbindungszeitraumes, die Form der Entbindung.
  • Besprechung des Geburtsablaufes mit Anwesenheit des Vaters
  • die Ermöglichung des Erstkontaktes der Eltern zum Kind.
  • Planung einer evtl. erforderlichen intensivmedizinischen perinatalen Versorgung
  • Berücksichtigung sozialmedizinischer Aspekte (vgl. Entbindung, vgl. Erstversorgung)

Entbindung [1]

Allgemeines: Grundsätzlich ist eine möglichst „natürliche“ Geburt des Kindes anzustreben. Persönliche Wünsche sollen soweit wie möglich berücksichtigt werden. Vor allem aber muss sich die Form der Entbindung an möglichen krankheitsbedingten mütterlichen Bedürfnissen orientieren, um Mutter und Kind nicht zu gefährden.

In der Regel wird eine Entbindung über die natürlichen Geburtswege (transvaginale Entbindung) in Lokalanästhesie für unbedenklich gehalten. Bei fraglichen Hirndruckzeichen sowie sonstigen Risiken (s.o.) ist eine Entbindung durch Kaiserschnitt (in Algemeinnarkose) zu bevorzugen. 

Mögliche Beeinträchtigungen bei der Entbindung: Vor der Entbindung ist es zu empfehlen, – je nach bestehenden Krankheitsmerkmalen – zusammen mit dem betreuenden Arzt bzw. der Ärztin und der Hebamme internistische, urologische, neurologische ggf. andere Stellungnahmen zu Risikobereichen einzuholen. Die Befunde müssen vor, während und nach der Entbindung jederzeit einsehbar sein.

Wichtige Befunde, die zur Entbindung vorliegen müssen

Zu beachten und zu dokumentieren sind folgende Bereiche:

Bisheriger Schwangerschaftsverlauf

  • Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen? Spezielle Risiken?

Stellungnahme: Frauenarzt/-ärztin

Kräfte- und Allgemeinzustand

  • Eingeschränkter allgemeiner Kräftezustand. Adipositas.

Stellungnahme: Frauenarzt/-ärztin. 

Latexallergie

  • Besteht eine Latexallergie? Wenn ja, in welchem Umfang? Eine L. ist vorne auf der Krankenakte deutlich hervorzuheben.

Stellungnahme: Frauenarzt/-ärztin, Internist/-in

Nervensystem

  • Bestehen neurologische Störungen, die für die Entbindung von Bedeutung sein können
  • Besteht ein behandlungsbedürftiges Krampfleiden?

Stellungnahme: Neurologe/-in, Neurochirurg/in.

Kopf

  • Welche Art der Hirnwasserableitung liegt vor? eine ventrikulo-atriale oder peritoneale?
  • Bei peritonealer Ableitung: Wo liegt der Katheter im Bauchraum? (eine bildliche Darstellung der Katheterlage ist bei möglichem oder geplantem Kaiserschnitt hilfreich)
  • Ist die liegende Hirnwasserableitung funktionstüchtig?
  • Wie oft und wann letztmals erfolgte eine Shuntrevision? (häufige Revisionen
  • können ein Hinweis auf Shuntpflichtigkeit oder Schlitzventrikel sein).
  • Gibt es aufgrund des bisherigen Verlaufes Hinweise auf akuten, chronischen oder wechselnden Hirnüberdruck? (vgl. ? Handbuch: Hirndruckzeichen) oder ist ein
    Hirnüberdruck nicht sicher auszuschließen? (auch hieraus ergeben sich Hinweise auf eine Shuntpflichtigkeit).

Stellungnahme: Neurologe/-in, Neurochirurg/in.

Atmung, Lungenfunktion

  • Bestehen (zentrale und/oder periphere) Atemstörungen?

Stellungnahme: Lungenarzt/-ärztin 

Skelett

  • Besteht eine Osteoporose? (Frakturneigung!)
  • Bestehen Geburtshindernisse durch Kontrakturen, Skoliose?

Stellungnahme: Orthopäde/-in

Muskulatur

Evtl. Hindernisse bei der Entbindung:

  • Kontrakturen der Hüftmuskulatur a) der Muskeln, die die Hüfte anspreizen (Adduktoren), b) Kontrakturen der Hüftbeuger, wodurch ein Abspreizen und Strecken der Beine behindert wird oder nicht möglich ist
  • Schwächen der Bauchmuskulatur, die beim Pressen beteiligt sind

Stellungnahme: Frauenarzt/-ärztin, Neurologe/in.

Nachsorge

Medizinische Aspekte

Die körperlichen Funktionen der Mutter können durch Schwangerschaft und Geburt individuell unterschiedlich beeinträchtigt sein. Zu berücksichtigen sind vor allem eine allgemeine körperliche Schwäche sowie die Folgen des Kaiserschnitts, wodurch die Beweglichkeit und Belastbarkeit der Bauchdeckenmuskulatur (z.B. beim Heben) eingeschränkt ist.

Deshalb darf eine Entlassung von Mutter und Kind aus der stationären Betreuung erst erfolgen, wenn keine körperliche Beeinträchtigung mehr vorliegt, lebensnotwendige therapeutische Techniken wieder selbstständig beherrscht werden und der Übergang in den häuslichen Bereich objektiv (Beurteilung durch ein Assessment) gesichert ist.

Nach der Entlassung muss eine über das übliche Maß hinausgehende häusliche Betreuung durch eine Hebamme (was bei der Krankenkasse zu beantragen ist) und möglicherweise eine – wiederum individuell – unterschiedlich lange Assistenz durch einen (oder mehrere) ambulanten Pflegedienst(e) gewährleistet sein.

Psychosoziale Assistenz

Die Anpassung jeder Familie an ein Neugeborenes besteht aus einer Fülle von neuen Aufgaben, die dem bisherigen Tagesablauf anzupassen sind, der sich – zunächst jedenfalls – an den Bedürfnissen des Kindes ausrichtet. Zu bedenken ist, dass die mütterlichen Behinderungsmerkmale weiter bestehen, und eine zusätzliche körperliche emotionale und zeitliche Belastung durch das Kind hinzukommt. So entstehen im Tagesablauf oft Zeitverschiebungen und bei (fast) allen Müttern ein erhebliches Schlafdefizit, das alle fordern und überfordern kann. Deshalb sollten familienentlastende Maßnahmen durch Familienangehörige, Betreuer, Sozialdienste, Elternverein rechtzeitig vorsorglich geplant werden und bei der Entlassung der Mutter zur Verfügung stehen.

Literatur

[1] Naber, Ulrike: HC-Mutterschaft – ein Erfahrungsbericht

(2008) ASBH-Brief 2/2008, S. 20

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