Mobilität und Rollstuhlversorgung

Ute Herzog (Ausschnitt aus [1])

Viele Gedanken machten sich die Eltern und viele Fragen gingen ihnen durch den Kopf, als klar wurde, dass ihr Sohn nicht ohne Hilfsmittel laufen können wird.

Sie fragten die Fachleute:

– Ab wann ist es sinnvoll das Kind mit einem Rollstuhl zu versorgen?

– Macht eine frühe Rollstuhlversorgung die Kinder bewegungsfaul oder eher mobil?

– Was muss bei der Auswahl des Rollstuhls beachtet werden?

– Welcher Rollstuhl ist für unser Kind der Richtige?

– Wie kann unser Kind und wie können auch wir sicherer werden im Umgang mit dem Rollstuhl?

Sie bekamen sehr unterschiedliche Meinungen und Antworten zu hören und beschlossen schließlich sich nach den Erfahrungen anderer Eltern zu erkundigen.

Zeitpunkt der Rollstuhlversorgung

Entgegen der früher oft vertretenden Meinung, dass eine frühe Rollstuhlversorgung die Kinder mit motorischen Bewegungseinschränkungen in den Beinen vom Laufen-Lernen abhielte und sie bewegungsfaul mache, erkennt man heute mehr und mehr, dass gerade das Gegenteil der Fall ist.

Mittlerweile können wir aus den Erfahrungen von Kindern lernen, die bereits ab einem Alter von einem Jahr eine altersgerechte Rollstuhlversorgung hatten und mit Hilfe dieses kleinen Rollstuhls in der Wohnung und im nahen Umfeld genau wie ihre Altersgenossen ihr Umfeld selbsttätig erkunden und damit ihren Horizont beträchtlich erweitern konnten. Sie zeigen eine große Bewegungsfreude und Bewegungssicherheit sowohl im Umgang mit dem Rollstuhl, aber auch in ihrem gesamten Bewegungsverhalten, was sowohl die Bewegung außerhalb des Rollstuhls am Boden als auch mit Hilfe von Orthesen und Gehstöcken und ähnlichen Hilfsmitteln betrifft.

Entwicklungspsychologisch ist dies einfach zu erklären:

Ein Kind, das die eigene Fortbewegung von einem Ort zum anderen als ein sehr mühsames und extrem anstrengendes Unterfangen erfährt, entwickelt wenig Freude an der Bewegung. Zumal seine Anstrengung nicht damit belohnt wird, dass es an Dinge heranreicht oder sich eigenständig Dinge holen kann. Es muss darauf bedacht sein nicht um zu fallen, hat zumeist alle Hände voll zu tun um sich zu halten und zu sichern und kann mit den Händen nicht gleichzeitig etwas festhalten und mitnehmen. Sein Blick ist mehr auf den Boden gerichtet und seine Konzentration mehr auf den nächsten Schritt als auf das Ziel seiner Erkundung.

Vorteile einer frühen Rollstuhlversorgung

Erhält das Kind aber frühzeitig die Möglichkeit die Lokomotion, d.h. die Bewegung von einem Ort zum anderen, selbsttätig und unabhängig von Hilfe leicht zu bewältigen, um an Objekte seiner Neugier zu gelangen und diese dann auch mitnehmen zu können, wird es Freude an der Bewegung entwickeln. Es kann unabhängig von Hilfen aus seinem Umfeld eigene Erfahrungen im Umgang mit Dingen machen und lernt, sich neugierig und angstfrei fortzubewegen. Es kann seine Umwelt auf eigene Faust erkunden und somit wichtige Erfahrungen für seine gesamte Entwicklung sammeln.

Für Kinder mit Bewegungseinschränkungen in den Beinen, ist der Rollstuhl das ideale Hilfsmittel sich ihre Umwelt zu erobern und, wie andere Kinder auch, möglichst leicht von einem Ort zum anderen zu gelangen, ohne sich um sicheren Halt bemühen zu müssen oder ständig darauf bedacht zu sein nicht umgerempelt zu werden und nirgendwo hängen zu bleiben um nicht umzufallen. Parallel dazu können sie natürlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Stehen, Laufen und Gehen mit den entsprechenden Hilfsmitteln üben. Nur sollte man Ihnen die Möglichkeit der eigenständigen und weniger mühevollen Fortbewegung nicht nehmen, nur um eine Rollstuhlversorgung möglichst lange hinauszuschieben.

Während Kinder sich im Alter von ca.1 bis 3 Jahren in der Fortbewegung auf die Wohnung und das nahe Wohnumfeld beschränken und ein Buggy sicherlich sehr hilfreich für weitere Strecken ist, erweitern Kinder im Alter von 3 oder 4 Jahren ihren Aktionsradius gerne auf kurze Strecken auch außerhalb der Wohnung. Mit Rollstuhl können sie sich auch im Außengelände aktiv fortbewegen, während sie im Reha-Buggy sitzend nur geschoben werden können.

Gesellschaftliche Einstellung/Sichtweise zum Thema Rollstuhl

Verständlich ist aber auch, wenn Eltern die Versorgung mit einem Rollstuhl so weit als möglich hinauszögern und am liebsten ihr Kind nicht mit Rollstuhl in Verbindung bringen möchten. Augrund der gesellschaftlich geprägten Scheu vor dem Rollstuhl, der zumeist als letztes orthopädisches Hilfsmittel gesehen wird, wenn nichts anderes mehr geht und alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, droht der Rollstuhl in der Zukunft als Stigma für Behinderung schlechthin. „Wenn der Rollstuhl kommt, dann war alles Laufen üben und alle Therapien umsonst.“ So sind oftmals die Ängste und Gedanken derer, die die Möglichkeiten, die das Hilfsmittel Rollstuhl bietet, nicht vorurteilsfrei annehmen können.

Über die Erfahrungen von anderen Kindern, die einen Rollstuhl nutzen und über das Vorbild erwachsener emanzipierter Rollstuhlnutzer und über Fachleute, die kompetent den Weg begleiten, lernen sie den Rollstuhl als pfiffiges und sehr hilfreiches Hilfsmittel kennen und können die Vorteile einer guten Rollstuhlversorgung erspüren. Oftmals ist aber auch das Erleben des eigenen Kindes, wenn es zum ersten mal einen Rollstuhl ausprobiert und hoch motiviert, glücklich und zufrieden umherfährt, für die Eltern eine Hilfe sich von den gesellschaftlich bedingten Vorurteilen ein Stück zu befreien. Den Kindern, die einen leicht gängigen und gut zu fahrenden Rollstuhl ausprobieren, kommt es vor, als hätten sie Flügel bekommen. Oftmals möchten sie das neue Gefährt gar nicht wieder abgeben.

Wenn man sich den “Fuhrpark“ gleichaltriger Kinder anschaut: Bobby-Car, Dreirad, Laufrad, Roller, Fahrrad, Inline-Skater, so wird deutlich, dass das Nutzen unterschiedlicher Bewegungsmöglichkeiten für Kinder ein großer Gewinn für ihre gesamte Entwicklung ist. Das ist bei Kindern mit einer Spina bifida nicht anders, nur sind die unterschiedlichen Bewegungsgeräte anders konzipiert und der Rollstuhl ist dabei eines der pfiffigsten Fortbewegungsgeräte für Kinder mit Bewegungseinschränkungen in den Beinen. Allerdings mit der Einschränkung: er muss gut auf das Kind angepasst und eingestellt sein und darf nicht zu schwer sein.

Rollstuhlentwicklung

Inzwischen haben auch die Herstellerfirmen die Notwendigkeit und den Markt kleiner, leichter und kindgemäßer Rollstühle für die Versorgung von Kleinkindern erkannt und bieten nicht mehr nur klein gebaute Erwachsenenrollstühle mit Schiebegriffen und Stützrädern an, sondern eigens für Kinder entwickelte Modelle, die sich nach den Proportionen, den Gewichts- und Kraftverhältnissen und Besonderheiten von Kindern richten.

Der passende Rollstuhl

Allerdings kommt es bei der Rollstuhlversorgung nicht nur auf das Modell, Gewicht und Größe der Rollstuhls, sondern vor allem auch auf die richtige Einstellung an.

Hier ist es wichtig, dass die Eltern sich kundig machen. Denn das Wissen um eine gute Rollstuhlversorgung ist nicht so weit gestreut, wie es wünschenswert wäre. Nur wenige Rehafachhändler verfügen über fundierte Kenntnisse in dem für die Kinder wünschenswerten Umfang. Erst langsam wächst die Forderung nach einer Hersteller-unabhängigen Schulung der Reha-Fachhändler hinsichtlich des Themas Rollstuhlversorgung. Nur wenige der verordnenden Ärzte verfügen über die entsprechenden Kenntnisse hinsichtlich der Anforderungen an eine gute Aktiv-Rollstuhlversorgung. Und auch von der therapeutischen Seite sind die Kenntnisse über eine gute und aktive Einstellung des Rollstuhls leider oftmals nicht gegeben.

So kam es, dass auch die Eltern von Sven sich zunächst gewundert haben, dass die Rollstühle einiger Kinder in der Sportgruppe, die sie sich mit ihrem Sohn angeschaut haben, so ganz anders aussahen und offensichtlich leichter und wendiger zu fahren waren. Sven hatte die Möglichkeit einen der kleinen Rollstühle auszuprobieren und war begeistert. Sein zweiter eigener Rollstuhl wurde dann passender angefertigt, nämlich schmaler, kleiner und leichter und schon konnte er wesentlich besser damit fahren. Na klar, in zu großen und klobigen Schuhen kann man auch nicht gut laufen.

Ein paar grundlegende Angaben zur Rollstuhlversorgung bei Kindern

Seit einigen Jahren hat sich bei Kindern die Versorgung mit Rollstühlen mit starrem Rahmen (Starrrahmenrollstühlen) durchgesetzt. Gegenüber Faltrollstühlen haben sie bessere Fahreigenschaften, bessere Einstellmöglichkeiten und ein geringeres Gewicht.

Die Rad- und Rahmengröße des Rollstuhl richtet sich vorrangig nach der Körpergröße, den Proportionen und der Armlänge des Kindes und nicht nach dem Arbeits- oder Esstisch.

Maße und Einstellungen

Die wichtigsten Maße und Einstellungen können hier nur in Kürze in Form einer Checkliste genannt werden. Ausführlich und mit Hilfe von Fotodokumentationen sind sie in dem Buch „Rollstuhlversorgung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ von Susanne Bröxkes und Ute Herzog beschrieben und erläutert (s. Quelle).

– Die Grundmaße und die notwendigen Einstellmöglichkeiten des Rollstuhls sind wichtig für die

Auswahl des in Frage kommenden Modells.

– Die Sitzbreite sollte so gewählt sein, dass nur noch je eine flach gestellte Hand Platz neben der

Hüfte findet.

– Die Sitztiefe solle so gewählt sein, dass 2 fingerbreit Platz ist von der Kniekehle bis zum

vorderen Punkt der Kissens bzw. der Sitzbespannung.

– Die Rückenlehnenhöhe sollte nicht höher als bis zur Unterkante des Schulterblattes reichen um

die Armbewegung nicht einzuschränken. Sie

kann bei einer Rückenschale an den Seiten tiefer gewählt sein als in der Mitte.

– Die Unterschenkellänge sollte so gewählt sein, dass die Füße auf dem Fußbrett gut aufstehen

und die Oberschenkel auf dem Kissen aufliegen.

– Die Rahmengröße sollte so gewählt sein, dass die Füße möglichst senkrecht unter den Knien

auf das Fußbrett gestellt werden können.

– Die Sitzhöhe hinten sollte so gewählt sein, dass bei aufrechtem Sitzen und angewinkelten

Armen die Unterarme etwas über dem obersten

Punkt des Hinterrades sind.

– Die Sitzhöhe vorne sollte so gewählt sein, dass eine Sitzneigung nach hinten zu einem guten

Halt verhilft.

– Die Rückenlehne sollte entsprechend nachgestellt werden können, so dass sie senkrecht zum

Boden steht. 

Drehpunkteinstellung

Die Drehpunkteinstellung wird über die Positionierung der Hinterradachse zum Körperschwerpunkt bestimmt. Dabei gilt es die Hinterradachse nah an den Körperschwerpunkt zu bringen, damit der Rollstuhl leicht dreht und wenig fährt und auch leicht anzukippen ist um Hindernisse und Stufen bewältigen zu können.

Die Einstellung des Drehpunktes bestimmt entscheidend die Wendigkeit des Rollstuhls.

Die Einstellung der Wendigkeit kann überprüft werden, indem das Kind bzw. der Rollstuhlnutzer sich bei normaler Fahrgeschwindigkeit zurücklehnt, dann den Rollstuhl an einer Seite abbremst und dadurch dreht. Der Rollstuhl ist wendig eingestellt, wenn er sich dabei leicht um deutlich mehr als 180° dreht.

Durch die Drehpunkteinstellung wird auch die Gewichtsverteilung bestimmt, d.h. wie viel Druck auf den kleinen Vorderräder und auf den großen und dadurch besser fahrenden Hinterräder liegt.

Das bedeutet, dass ein wendig eingestellter Rollstuhl auch über bessere Fahreigenschaften verfügt.

  • er bleibt nicht so schnell an Unebenheiten hängen,

  • er kann leichter angekippt werden zum Überwinden von Hindernissen und

  • er kann mit deutlich weniger Kraftaufwand angetrieben und gelenkt werden.

Bei einer wendigen Einstellung kippt der Rollstuhl auch leichter an. Ein Überkippen des Rollstuhls wird, solange der Rollstuhlnutzer das Balancieren auf den beiden Hinterrädern nicht sicher beherrscht, durch ein Stützrad verhindert.

Das Stützrad (der Kippschutz) darf aus Sicherheitsgründen nicht zu niedrig angebracht werden, denn dann muss es bei jeder kleinen Schwelle weggeschwenkt werden und es wird ggf. vergessen es wieder raus zu stellen. Ebenfalls schränkt ein zu niedriges Stützrad die Bewegungsmöglichkeiten und auch das sichere Erlernen des Befahrens von Unebenheiten, Schwellen und Stufen erheblich ein.

Sitzschalensysteme

Der Einstellbereich des Drehpunktes erstreckt sich bei den meisten Modellen über ca. 10 cm ab dem hinteren Rückenrohr und erlaubt erst im vorderen Bereich eine aktive Einstellung, wenn die Rückenbespannung ein Anlehnen zwischen den Rückenrohren ermöglicht.

Wird in den Rollstuhl eine Sitzschale aufgesetzt, die den Rollstuhlnutzer um einige cm nach vorne positioniert, reicht die Einstellmöglichkeit nicht mehr aus. Was zur Folge hat, dass das Fahren des Rollstuhls sehr viel kraftaufwändiger ist und nur mit einer ungünstigeren Arm- und Schulterhaltung möglich ist.

Sinnvoll ist es daher, die Sitzschale so zu positionieren bzw. zwischen die Rückenrohre einzubauen, dass die Einstellmöglichkeit der Hinterradachse nah am Körperschwerpunkt erhalten bleibt.

Rollstuhltrainingskurs

Der Umgang mit dem Rollstuhl im Alltag (Aus- und Anziehen, Körperpflege, Toilettenbenutzung u.a.) im Rollstuhl, das Benutzen von Rolltreppen, Busfahren, Überwinden von Hindernissen, spezielle Fahrtechniken, Ausprobieren möglicher Sportarten, Tanzen, Fremdhilfe in Anspruch nehmen und vieles andere mehr wird in speziellen Rollstuhltrainingskursen vermittelt. Adresse für die Anmeldung: s.u.

Perspektiven und Vorbilder

Literatur

[1] Ute Herzog: Mobilität und Rollstuhlversorgung – alles Einstellungssache –

[2] Bröxkes, S.; Herzog,U. (Hrsg.): Rollstuhlversorgung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Deutscher Rollstuhl-Sportverband e.V., Duisburg 2004

Auskünfte

Kinderundjugendsport@rollstuhlsport.de

www.rollikids.de

Anschrift zur Anmeldung bei Rollstuhltrainingskursen:

Ute Herzog, Vorsitzende Fachbereich Kinder- und Jugendsport im DRS, Altenbödigner Str. 40, 53773 Hennef

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