Längen-/Gewichtskurve – Führen einer L/G

Vorbemerkungen

Die regelmäßige Messung der Körperlänge und die Beachtung des Körpergewichtes gehören zur Basis-Überwachung bei Kindern und Jugendlichen mit Spina bifida und Hydrozephalus.

Folgende spezielle Informationen lassen sich aus der Wachstums-/Gewichtskurve ableiten:

  • der Verlauf des Längenwachstums, d.h. das Erkennen von über- oder (was häufiger ist) unterdurchschnittlichem Längenwachstum)
  • die Entwicklung des Körpergewichtes, vor allem die Früherkennung von drohendem Übergewicht,

Überwachung der Hirnwasserableitung, nämlich die orientierende Bestimmung der Lage der unteren Spitze des Bauchkatheters (bei Bauchraum-Ableitungen von Hirnwasser = ventrikulo-peritoneale Hirnwasserableitung) oder der Lage der unteren Spitze des Herzkatheters (bei Hirnwasserableitungen über die Blutbahn und den rechten Herzvorhof (ventrikulo-atriale Hirnwasserableitung).

Längen- / Gewichtskurve

Die Längen- / Gewichtskurve zeigt mehrere geschwungene Linien (= Perzentilen)
a) für das Längenwachstum (vorderer, linker Teil)
b) für die Gewichtsentwicklung (rechter Teil)
Zwei Formen von Längen- / Gewichtskurven stehen zur Verfügung: eine für Knaben und eine für Mädchen.

Der Begriff der Perzentile

Die Linien  (= Perzentilen) wurden statistisch durch Längen- und Gewichtsmessungen von gleich alten Kindern und Jugendlichen ermittelt. Misst man z.B. die Körpergröße von 100 gleich alten Kindern, sind eine große Zahl der gemessenen Kinder gleichgroß, einige weichen jedoch von der häufigsten Körpergröße ab: es gibt größere und kleinere Kinder. Stellt man alle Kinder nach ihrer Körpergröße, beginnend mit den kleinsten, in einer Reihe auf, so steht an erster Stelle der kleinste der hundert Kinder, man kann sagen: der 1. von Hundert = an der 1. Perzentile (per-cent = von hundert); die mittelgroßen Kinder stehen an der 50. Stelle d.h. sie kennzeichnen die 50er Perzentile, die größten Kinder stehen zwischen der 90. und 100. Stelle, sie kennzeichnen die 90er bis 100er Perzentile.

Die Körperlänge

„Normale“ Körperlänge

Die Körperlänge ist durch die Körperlänge der Eltern genetisch wesentlich mitbestimmt. Körperlängen innerhalb der 3er bis zur 97er Perzentile werden als „normal“ bezeichnet.

Abweichende Körperlänge

Körperlängen oberhalb der 97er Perzentile bezeichnet man als „Großwuchs“, unterhalb der 3er Perzentile als „Kleinwuchs“.

Ausführung der Messung der Körperlänge 

  • Messen Sie Ihr Kind stets im Liegen auf einer geraden, festen Unterlage (nicht im Bett).
  • Legen Sie den oberen Messpunkt am Scheitel durch ein senkrecht aufgestelltes Brett oder Buch fest.
  • Ziehen Sie an der Ferse (den Fersen) gerade so stark, dass das Kind / der Jugendliche nicht auf der Unterlage rutscht.
  • Legen Sie den unteren Messpunkt (mit einem Buch o.ä., das Sie an der Fußsohle anlegen) fest.

Bei unterschiedlich langen Beinen (z.B. durch Hüftgelenksluxation oder lähmungsbedingte Verschmächtigung) gilt die Länge, die am längeren Bein gemessen wird.

Stärkere Fehlstellungen

z.B. der Wirbelsäule oder der Hüft- bzw. Kniegelenke können das Ergebnis der Messung erheblich verfälschen. Man muss sich dann auf ein anderes Messverfahren einigen, bei dem die Fehlstellungen berücksichtigt werden, um vergleichbare Messergebnisse zu erhalten.

Spina bifida und Längenwachstum

Durch ausgedehnte Lähmungen und durch (noch nicht genau bekannte) Veränderungen im Zwischenhirn kann sich die genetisch vorgegebene Körperlänge vermindern. So ist die Körpergröße von Spina bifida Patienten oft geringer, als genetisch zu erwarten wäre. Außerdem kann das Messen der Körperlänge durch Verbiegungen der Wirbelsäule und durch die Ausbildung nicht ausgleichbarer Muskel- und Sehnenverkürzungen (Kontrakturen) erheblich erschwert sein und zu kaum reproduzierbaren Messergebnissen führen. Als verbindliches Maß für die Körperlänge wird deshalb die Spannweite (cm Länge zwischen den Spitzen der Mittelfinger bei ausgestreckten Armen, die auf einer geraden Unterlage liegen)  für die Längenbestimmung des Spina bifida Kindes verwendet (Normalwerte: vgl. Tabelle). Die Spannweite entspricht im Wesentlichen der Körperlänge.

Die Wachstumslinie

Verbindet man die Messpunkte der Längenmessung, ergibt sich die Wachstumslinie.

Beschleunigtes Wachstum

Zunehmende Abweichungen der Wachstumslinie in Richtung der 97er Perzentile, also im Sinne eines beschleunigten Wachstums, beobachtet man

  • nachdem das Kind Stehen und Laufen (auch in Hilfsmitteln) gelernt hat und
  • zu Beginn der (oft verfrüht verlaufenden) Pubertät (vgl. Vorzeitige Pubertät (Pubertas präcox)) während des sogenannten pubertären Wachstumsschubes.

Mit dem Beginn eines Wachstumsschubes müssen die neurologischen Untersuchungen verdichtet werden, um die neurologischen Auswirkungen der Verwachsung des Rückenmarkes mit der Operationsnarbe der Erstversorgung am Rücken (sog. tethered cord) nicht zu übersehen (vgl. Tethered cord).
Zu Beginn der Pubertät sollte zu dem noch zu erwartenden Längenwachstum Stellung genommen werden (vgl. Vorzeitige Pubertät (Pubertas präcox)).

Verzögertes Wachstum

Eine ständige Bewegung der Wachstumslinie in Richtung der 3er Perzentile kann ein Hinweis

a) auf eine hormonelle Störung sein, die durch Untersuchungen des Wachstumshormons ausgeschlossen werden kann oder

b) Ausdruck einer Chromosomenabweichung sein, was mit einer Chromosomenanalyse zu ermitteln ist;

c) Meist jedoch handelt es sich um Varianten des Wachstums ohne nachweisbare zusätzliche Störung.

Überwachung einer Hirnwasserableitung

Am Verlauf der Wachstumslinie lässt sich die Schnittstelle ablesen, an der die Länge des ableitenden Katheters einer liegenden Hirnwasserableitung (Shunt) zu kurz ist (vgl. Überwachung der Katheterlänge im Bauchraum).

Körperlänge und Körpergewicht

Körperlänge und Körpergewicht stehen miteinander in einer statistisch ermittelten Beziehung, die an den (rechts neben den Kurven des Längenwachstums eingezeichneten) Gewichts-Perzentilen ermittelt werden kann.

Ermittlung der Längen-Gewichtsbeziehung

Vorgehen:

  • Legen Sie das Alter auf der Gewichtskurve (untere Linie) fest.
  • Errichten Sie eine senkrechte Linie in diesem Alterspunkt.
  • Suchen Sie auf der Wachstumslinie die aktuelle Körperlänge auf.
  • Ziehen Sie von diesem Punkt auf der Wachstumslinie eine waagerechte Linie soweit nach rechts, bis diese die senkrechte Linie der Gewichtskurve schneidet.
  • Der Schnittpunkt der beiden Linien gibt das Verhältnis von Körperlänge und Gewicht an.

Übergewicht

Liegt der Schnittpunkt im Bereich der 97er Perzentile oder darüber, liegt behandlungsbedürftiges Übergewicht vor. Dieses kann verschiedene Ursachen haben, meist jedoch liegt ein Missverhältnis zwischen Nahrungsaufnahme und Kalorienverbrauch vor. In jedem Fall  gefährdet das Übergewicht die Mobilität und die orthopädische Rehabilitation. Durch eine regelmäßige Gewichtsüberwachung mit Hilfe der Gewichtskurve ab dem Säuglingsalter, ab dem 10. Lebensjahr mit dem „Body-Mass-Index“ (vgl. Body-Mass-Index) ist die Entwicklung zum Übergewicht frühzeitig erkennbar und – je früher desto besser – durch eine Ernährungsberatung auch therapeutisch zu beeinflussen. Hat sich erst einmal ein Übergewicht entwickelt, ist ein therapeutischer Erfolg wesentlich mühevoller zu erreichen.

Untergewicht

Untergewicht ist eher selten und meist Ausdruck zusätzlicher Erkrankungen (z.B. chronische Entzündungen, wiederholt auftretende Durchfälle, ab der Pubertät: Magersucht usw.), die ausgeschlossen und gezielt behandelt werden müssen.

Die entsprechenden Wachstums- und Gewichtskurven finden Sie unter dem Begriff Wachstumskurven.

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