Andrologische Aspekte bei Spina bifida

Andrologische Untersuchung

Ziel der Untersuchung: Untersuchungen und Stellungnahme zu der Zeugungsfähigkeit des Mannes und deren mögliche Störungen.

Dazu gehören
1. Untersuchung der Hoden: a) Größe (Hodengröße), b) des Hodenstandes im Hodensack und eventuelle Veränderungen im Bereich der Hoden (Hodenhochstand, Krampfaderbildung usw.).
2. Untersuchung des Penis: a) Größe, b) Lage der Harnröhrenmündung, c) Vorhaut: Beweglichkeit, Zurückstreifbarkeit, Pflegezustand; d) Erektionsfähigk
3. Konstitution: Behaarungstyp, Stimme, Muskulatur.
4. Untersuchung des Spermas (Spermio(zyto)gramm)
a) zur Bestimmung der Befruchtungsfähigkeit, b) vor einer Konservierung. Gewinnung: Nach 5- tägiger sexueller Enthaltsamkeit (Karenz) wird das Sperma gewonnen a) durch Masturbation, b) nach Provokationsmethoden, c) durch Hodenbiops Bewertungen: vgl. nachfolgende Übersicht.

Spermiogramm: Bezeichnungen/Bewertungen (Nomenklatur nach WHO 5th ed. 2010)

Normospermie                            Normaler Ejakulationsbefund
Oligospermie                               < 15 Mio Spermatozoen/ml
Asthenospermie                          Einschränkung der Beweglichkeit: < 40% bewegliche Spermien
Teratozoospermie                        < 4% der Spermien zeigen eine normale Form
Oligoasthenoteratozoospermie   Oligosp., Asthenosp. und Teratosp. sind gestört
Nekrozoospermie                        Keine vitalen Spermatozoen
Azoospermie                               Keine Spermatozoen im Ejakulat
Hypospermie (Parvisemie)          Volumen des Ejakulats < 1,5ml
Aspermie                                     Kein Ejakulat

Menge (Volumen): Normospermie: ≥ 1,5 ml. Hypospermie: < 1,5 ml. Hyperspermie: > 6 ml.
Bestimmung: Messung der Menge des Ejakulates.
pH-Wert: 7,2-8,0. Bestimmung: pH-Indikatorpapier.
Verflüssigungszeit: 15-60 Minuten.
Spermatozoenkonzentration: ≥ 15×106 pro ml. Bestimmung: Neubauer-Zählkammer nach
Verdünnung mit immobilisierender Lösung.
Gesamtspermatozoenzahl: ≥ 39×106 im Ejakulat.
Beweglichkeit (Motilität): ≥ 40% Gesamtbeweglichkeit, ≥ 32% mit Vorwärtsbeweglichkeit. Bestimmung: etwa 10µl eines frisch gewonnenen Ejakulates bei 400-facher Vergrößerung im Phasenkontrastmikroskop.
Gestalt (Morphologie): ≥ 4% sind normalgeformt. Bestimmung: Färbung eines Ausstrichpräparates nach Papanicolaou und/oder Shorr; ggf. Schnellfärbung (z.B. Hemacolor).
Lebendigkeit (Vitalität): ≥ 58% der Spermatozoen färben sich nicht mit Eosin rot an, d.h. sie sind vital. Bestimmung: Färbung mit 0,5%-igem Eosin („rot = tot“).
Weiße Blutkörperchen (Leukozyten): < 1×106. Bestimmung: Bestimmung der Zahl der Peroxydase- positiven Zellen.

5. a) Bestimmung der Hormone, die in der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) zur Regulierung der Hodentätigkeit gebildet werden (Gonadotropine); b) Bestimmung des männlichen Keimdrüsenhormons (Testosteron) im Blut, wo es in freier und gebundener Form getrennt nachgewiesen wird.

Eine andrologische Untersuchung wird gegen Ende der Pubertät empfohlen, um ggf. Sperma zu konservieren, dessen Produktion durch den Krankheitsverlauf verloren gehen kann.

Hoden

Hodenfunktion

Die hormonellen Regelkreise sind (soweit wie bekannt) normal ausgebildet. Die individuelle neurologische Versorgung der Hoden bestimmt einen wesentlichen Teil der Hodenfunktion.

Hodenbiopsie

Entnahme von Hodengewebe, z.B. um Spermien zu erhalten, die unmittelbar danach für eine Befruchtung verwendet werden können. Formen: Testikuläre Spermienextraktion (TESE), mikrochirurgische epididymale Spermienaspiration (MESA).

Gliedsteifung (Erektion)

Erektion, lat. erigere, aufrichten; Glied-(ver)steifung. Anschwellen und Steifwerden der Schwellkörper des Penis.

Erektionsreflex

Nervöser Regelkreis, der die Erektion ermöglicht und beendet. Eine mechanische und / oder psychische Reizung der Nervenendigungen (vorwiegend) am Penis wird über den Nervus pudendus an das Erektionszentrum im Rückenmark weitergeleitet, hier auf die Nn. erigentes zu einer weiteren Schaltstelle (Ganglion pelvici) geleitet, von wo Nervenfasern eine Erschlaffung der Gefäßmuskulatur bewirken, wodurch vermehrt Blut in die Schwellkörper gelangt, was die Erektion ermöglicht.

1. Physiologische Erektion
Einströmen des Blutes in das männliche Glied (Penis) durch Erweiterung der Arterien in die Schwellkörper mit nachfolgender Abflussbehinderung des venösen Blutes; die E. wird beendet durch nervöse Reize des sympathicus.
Ursachen: a) Regulierung des Stoffwechsels, b) als Reizantwort einer mechanischen (Masturbation) oder psychischen sexuellen Erregung.
2. Krankhafte Erektion: Bei Infektion der Harnröhre (Urethritis) können teils schmerzhafte Erektionen von unterschiedlicher Dauer auftreten.

Erektionsstörungen

Definition: Fehlende oder nicht ausreichend lange Erektion beim Mann im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverkehr.
Formen: a) primäre Erektionsstörung: von jeher und immer bestehende Erektionsstörung;
b) sekundäre Erektionsstörung: später aufgetretene, gelegentlich, häufig oder bei bestimmten Situationen (sekundär) bestehende E.
Ursachen: Für beide Formen kann es körperliche oder / und psychische Ursachen geben.
Körperliche Ursachen können durch eine andrologische Untersuchung genauer abgeklärt werden. Therapie: Ermöglichung und Verlängerung der Erektion
a) Anwendung von männlichem Keimdrüsenhormon (Testosteron) bei nachgewiesenem Mangel,
b) Sildenafil (Viagra ®), Tadalafil (Cialis ®) oder Verdenafil (Levitra ®),
c) Schwellkörper-Auto-Injektionstherapie (SKAT),
d) Mikropellets mit dem Wirkstoff Prostaglandin-E 1, die in die Harnröhre gegeben werden (medikamentöses urethrales System zur Erektion , MUSE®).
Medikament zur Ermöglichung / Verbesserung der Erektion.
Anwendung: Zäpfchenförmige Mikropellets werden in die Harnröhre eingeführt. Durch Massieren wird der Wirkstoff Prostaglandin-E1 freigesetzt. Nach etwa 15 Minuten kommt es zur Erektion.
e) Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie: Abk.: SKA Verfahren zur Ermöglichung oder Verlängerung der Erektion. Zur Anwendung: In die Schwellkörper des Penis wird selbstständig oder durch die Partnerin ein Medikament, z.B. Alprostadil (Caverject ®, Minprog ®, prostavasin ®, Viridal ®), Papaverin, Phentolamin oder Prostaglandin-E1 eingespritzt (Prostaglandin-E1 kann auch in die Harnröhre gegeben werden, MUSE). Hierzu gibt es spezielle Injektionshilfen.
Seit der Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung von Erektionsstörungen z.B. mit Sildenafil (Viagra ®) hat die SKAT an Bedeutung verloren.

Samenerguss (Ejakulation)

Ejakulation

(lat. ejicere, herausschleudern, herauswerfen. Erguss).

E. beim Mann:

Ausstoß von Samenflüssigkeit (Samenerguss) in Verbindung mit dem Orgasmus durch 3-10-maliges rhythmisches Zusammenziehen der Muskulatur des Samenleiters, der Prostata, der Samenblase und der Muskulatur des Beckenbodens. Die E. wird (neurologisch) ermöglicht durch den Ejakulationsreflex.

Ejakulationsreflex

Reflex, der die Ejakulation steuert. Der Reflex wird ausgelöst durch mechanische Reizung der Eichel des Penis. Die Reizauslösung erfolgt über sympathische Nerven sowie den N. pudendus zum Ejakulationszentrum (Verdichtung sympathischer Nerven zu einem Zentrum in den Rückenmarkssegmenten Th12 bis S2). Die Reizantwort erfolgt über Nervenfasern des Grenzstranges zu den nervösen Beckengeflechten auf die Geschlechtsorgane und löst aus: a) ein Zusammenziehen (Kontraktion) der glatten Muskulatur der Nebenhoden, Prostata, Samenbläschen und der Samen-Ausführungsgänge; b) eine Dehnung der Harnröhre durch die Samenflüssigkeit; c) eine reflektorische Erregung der Beckenbodenmuskulatur, die sich d) 3-9mal rhythmisch zusammenzieht, wodurch e) die Samenflüssigkeit aus der Harnröhre ausgestoßen wird.

Störungen der Ejakulation

Die am Samenerguss beteiligten Muskeln (Nervenversorgung durch den N. pudendus (S2-S4)) können, abhängig vom Ausmaß der neurologischen Störungen, beeinträchtigt sein. Bei mangelndem Zusammenwirken der Muskeln kommt ein nach außen gerichteter Samenerguss nur unvollkommen zustande. Ein Teil des Samens wird dann in die Harnblase entleert (retrograde E.).

Retrograde Ejakulation

Die Samenflüssigkeit wird in die Harnblase entleert. Ursachen: a) Störungen der Nervenversorgung, die für einen geordneten Ablauf der E. erforderlich ist. b) künstliche Aufweitung des Blasenausganges durch Medikamente.

Vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio präcox)

Samenerguss vor oder kurz nach Einführen des Gliedes in die Scheide. Maßnahme: Lokale Anwendung von Lidocain oder Dapoxetin (Priligy ®) als Tablette in individueller Dosierung.

Zeugungsfähigkeit (Potentia generandi)

Die Zeugungsfähigkeit ist grundsätzlich vorhanden, wenn ab der Pubertät eine Bildung von Spermien erfolgt.

Impotenz

Unvermögen, a) den Geschlechtsverkehr regelrecht und befriedigend zu vollziehen, b) fehlende Zeugungsfähigkeit (Impotentia generandi).

Mögliche Ursachen:

Erkrankungen des Nervensystems,

wie komplette oder inkomplette Querschnittslähmung; hierbei kommt es zur kompletten oder inkompletten Unterbrechung der Reflexe, die sowohl die Gliedsteife (Erektion) wie auch das Heraustreiben des Samens (Ejakulation) steuern.
Diagnostik: Andrologische Untersuchung bei Urologen, Endokrinologen oder Hautärzten mit andrologischem Schwerpunkt.
Therapie: Anwendung von Medikamenten, die a) eingenommen (Sildenafil, Tadalafil, Verdenafil), b) in die Schwellkörper des Penis gespritzt werden (Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT), Caverject ®) oder c) in die Harnröhre gegeben werden (medikamentöses urethrales System zur Erektion (MUSE®)).

Hormonelle Störungen

durch Unterentwicklung oder durchgemachte Entzündungen der Hoden (Orchitis) und Nebenhoden (Nebenhodenentzündung) und hierdurch bedingten Hormonmangel.
Therapie: Anwendung von Sexualhormonen (Testosteron) bei nachgewiesenem Mangel (andrologische Untersuchung).

Verklebung des Samenleiters

nach Entzündungen der Hoden/Nebenhoden (vgl. Nebenhoden- entzündung).

Dämpfende Medikamente,

z.B. durch verschiedene zur Epilepsiebehandlung eingesetzte Medikamente.
Therapie: Wenn möglich: Verwenden anderer, nicht dämpfender Medikamente.

Psychogene Störungen

können Ursache einer Schwäche der Gliedsteife oder von Störungen des Samenergusses (verfrüht oder verspätet) sein.
Therapie: Psychotherapie.

Beischlaffähigkeit (Potentia coeundi)

Mögliche Hindernisse des Beischlafes:

  • Gelenkfehlstellungen im Hüftgelenk
  • Erhebliche Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit (Beugekontrakturen)
  • Anspreiz-(Adduktions-) kontrakturen in den Hüften
  • Inkontinenz für Urin und Stuhl.

Nebenhodenentzündung

Ursachen: Die Entzündung der Nebenhoden (Epidydimitis) kann bei Infektionen der Harnröhre und der Harnblase auftreten und eine Nebenwirkung der Katheterentleerung sein. Die Bakterien erreichen über die Samenleiter den Nebenhoden. Eine Nebenhodenentzündung tritt meist einseitig – nur selten beidseitig – auf.
Symptome: Rötung und Schwellung im oberen Teil des Hodensackes. Je nach neurologischer Versorgung: Schmerzen und Druckempfindlichkeit, häufig aber ohne Schmerzen.
Therapie: Antibiotische Behandlung, Ruhigstellung mit Hochlagerung des Hodensackes. Ggf. vorübergehende Harnableitung über einen Dauerkatheter oder durch eine Harnableitung durch die Bauchdecke (suprapubische Harnableitung) bis zum Ausheilen der Entzündung.
Bei wiederholt auftretender Nebenhodenentzündung kann eine Unterbindung der Samenleiter angezeigt sein, um den Infektionsweg zu unterbrechen. Diskutiert werden kann auch eine operative Entfernung des Nebenhodens/Hodens.

Wiederholungswahrscheinlichkeit für Spina bifida

Die Wiederholungswahrscheinlichkeit für ein Kind mit einer Spina bifida ist erhöht. Genaue Zahlen sind jedoch nicht bekannt. Eine spezielle Prophylaxe zur Verminderung der Wiederholungswahrscheinlichkeit besteht nicht.

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